Manfred Spitzer - Digitale Demenz
Der streitbare Ulmer Neurobiologe Manfred Spitzer hat dieses Buch 2012 veröffentlicht, und auch wenn nun schon 13 Jahre vergangen sind, sind so manche seiner Beobachtungen auf Basis von Studien durchaus noch heute relevant.
Ausgangspunkt vieler seiner Analysen sind Studien bezüglich der Gehirnentwicklung von Kindern oder Verhaltensstudien, die sich mit Reaktionen auf vorangegangenen Input beziehen.
Erstere vergleichen die Entwicklung neuronaler Verbindungen bei Kindern auf Basis von Reiz-Inputs. Die Schlussfolgerung, die Spitzer zieht, ist, dass Inputs im realen Raum nicht durch solche im virtuellen Raum ersetzt werden können. Bildschirmlernen ermöglicht nicht die Entwicklung von Gehirnstrukturen, welche durch Kommunikation mit realen Menschen gebildet werden. Wenn also Eltern ihre eigene Kommunikation mit ihren Babys bzw. Kindern in jungem Alter durch Filme oder Smartphones ersetzen, schaden sie ihren Kindern, da der virtuelle Input nichts nutzt und gleichzeitig Zeit wegnimmt, in welcher die Kinder ihre Gehirnstrukturen, neuronalen Verbindungen entwickeln können. Disney habe bereits den Kaufpreis für "Baby-Lern-DVDs" zurückbezahlt, um heftigeren Klagen entgegenzutreten, dass nämlich durch die Verhinderung der Gehirnentwicklung bei Nutzung der Lern-DVDs, die massivst beworben wurden, im Gutglauben der Eltern auf Basis lügenhafter Werbung ein massiver Schaden angerichtet worden sei, der dazu führen kann, dass die Kinder in ihrer weiteren Entwicklung nicht fähig seien, ein Studium zu absolvieren, was eine reale Lebensgehalteinbuße von einer Million USD oder mehr zur Folge habe.
Bezüglich der zweiteren Studien konzentriert sich Spitzer zunächst auf den Grundschulbereich. Beim Schreibenlernen durch eine Tastatur fehle völlig der haptische Aspekt, der für die Gehirnentwicklung eine große Rolle spielt. Handgeschriebene Buchstaben werden im Gehirn auch mit der Bewegungsabfolge gespeichert und entwickeln dementsprechend neuronale Verbindungen. Wenn getippt wird, gibt es zwischen Fingerbewegung und Buchstaben keinen Zusammenhang. Dass dies relevant ist, zeigen Vergleichsstudien mit chinesischen Kindern, die Hunderte und Tausende unterschiedliche Schriftzeichen trainieren müssen. Auch sind unterschiedliche Aktivierungen der Gehirnhälften bezüglich der Zahlen 6-10 bei chinesischen Kindern nachzuweisen, da in China die Zahlen 1-10 mit einer Hand dargestellt werden können. Wenn nun in der Grundschule das Handschreiben und Rechnen durch eine Maschine ersetzt werde, habe dies auch Auswirkungen auf die Ausbildung neuronaler Verbindungen.
Diese Gefahr der verhinderten Entwicklung von neuronalen Verbindungen durch zu frühen Einsatz von Computern, Laptops oder Tablets vergleicht Spitzer mit Demenz. Bei Letzterer würden im Alter neuronale Verbindungen zuerst im Hippocampus, der für das Lernen zuständig ist, abbauen, bei Lernverhinderung würden diese erst gar nicht aufgebaut werden. Kinder würden mit einer Gehirnstruktur von Dementen aufwachsen. Die Ursache sei, dass der frühe Einsatz von digitalen Geräten, aber auch von Filminputs, dem Gehirn die Möglichkeit raube, wichtige Strukturen aufzubauen.
Bei Jugendlichen, deren Gehirnstrukturen bereits entwickelt sind, sieht Spitzer nun auf Basis von Studien, dass diese ihre Computer nicht dafür benutzen, wovon die Medienpädagogik träumt, sondern zum Spielen oder zur Kommunikation, aber das vornehmlich mit unbekannten "Freunden".
Dass Menschen nach Konsumation eines Filmes mit Gewaltszenen bzw. eine Gewaltspiels (Ego Shooters) langsamer reagieren, wenn sie in der Realwelt helfen sollten, sei nachgewiesen (die zitierten Studien sind beeindruckend). Für Spitzer stellt sich die Frage, wohin sich eine Kultur entwickle, welche Gewalt in Filmen und Computerspielen als Teil einer zu akzeptierenden Kultur sieht, wie es manche Medienpädagogen propagierten.
Interessant sind auch Studien, die sich mit dem Phänomen des sogenannten Multitasking auseinandersetzen. Es seien gerade die Personen, die multitasken, die bei komplexen Aufgaben schlechter abschneiden als diejenigen, die nicht multitasken.
Spitzer stellt durchaus die Frage, ob die Ergebnisse in den von ihm zitierten Studien kausal oder korrelational bedingt sind. Zum Beispiel: Sind Multitasker dümmer oder macht Multitasking dumm? Führt exzessives Spielen zu schlechteren Schulleistungen oder spielen diejenigen vermehrt, die bereits schlechte Schulleistungen aufweisen?
Die Antwort von Spitzer ist eindeutig. Da sich dies noch nicht klären lässt, sollte es eine Gesellschaft nicht darauf ankommen lassen, Lernumfelder zu schaffen, die womöglich die Gehirnentwicklung einer heranwachsenden Generation beeinträchtigt, also diese verdummen lässt.
Dieses Buch ist, wie geschrieben, 13 Jahre alt. Und was sagte der Chef des österreichischen Bildungsforschungsinstituts Franz-Josef Lackinger vor ein paar Tagen in einem Interview
in der Tageszeitung Der Standard? In Österreich seien aktuell ein Viertel der Jugendlichen nicht mal mehr fähig, mit 15 Jahren einen Beruf zu ergreifen. Das sind 25 Prozent, die offenbar zu "dumm" für das Einfachste sind. "KI kann keine Fliesen legen", ist sein Wording. Deren Lebensschicksal sei: Arbeitslosigkeit.
Da kaum anzunehmen ist, dass innerhalb von 15 Jahren eine Generation biologisch/genetisch verdummt, wird wohl etwas im Erziehungs- und Bildungsbereich entgleist sein. Woran es liegen könnte, dafür bietet Spitzer Erklärungsansätze, die nicht voreilig vom Tisch gewischt werden sollten.
Und nein, Spitzer ist kein Technologie-Feind. Er sieht sehr wohl die großartigen Möglichkeiten der Computer- und Internettechnologie, nur sollte sie nicht den Profitinteressen der Spiele- und Medienindustrie überlassen werden, welche durch Werbung und Lobbyismus die Gedankenwelt der sogenannten Digital Natives prägt wie auch die Medienpädagogik als Sprachrohr zu nutzen weiß.