brigittsche schrieb:Nehmen wir mal an unser Mörder hier hat tatsächlich DNA-Spuren hinterlassen. Dann ist es für ihn völlig folgenlos, solange die Ermittler nicht vor seiner Tür stehen mit einem richterlichen Beschluss, eine Probe nehmen zu dürfen.
Denn dass sein Profil in einer Datenbank gespeichert ist, kann man ausschließen, da dann ja schon längst die Ermittler vor seiner Tür gestanden hätten.
Das ist korrekt.
Ich schließe daraus, dass es sich bei dem Täter um einen damals jungen Mann handelte, der weder vorher noch nachher so kriminell in Erscheinung getreten ist, dass sein Profil in einschlägigen Dateien abgespeichert wurde. (Vorausgesetzt, er hätte im Mordfall Wilbert und bei anderen Delikten verwertbare Spuren hinterlassen, mit denen er registriert worden wäre).
Der Mörder könnte also ein ansonsten unbescholtener Mann sein, kein Profi im Bereich Verbrechen, kein eiskalter Killer ohne jedwede Gewissensbisse. Aber er hatte das Glück, dass ihm niemand auf die Schliche kam.
Jahrzehntelang blieb er unbehelligt, sodass er vielleicht zunehmend den Eindruck gewann, man könne ihm wohl nichts mehr anhaben.
Doch dann war es mit der vermeintlichen Sicherheit vorbei. NRW rollte in großem Stil Hunderte Cold Cases wieder auf, unter Mobilisierung der Öffentlichkeit (XY, Zeitungen) und Rückgriff auf modernste Technik. Auch im Fall Wilbert machten sich Experten an die Arbeit - und wie erfolgversprechend solches Vorpreschen sein konnte, zeigte die rasche Aufklärung des sogenannten Karnevalsmordes im benachbarten Köln.
Den Mörder von Claudia Wilbert könnte das durchaus alarmiert, ja sogar in gewisse Panik versetzt haben. Gut möglich, dass ihn der plötzlich wieder einsetzende Fahndungsdruck aufgrund neuer Unwägbarkeiten (eventuelle Zeugenerinnerungen, Inzwischen eventuell auswertbare DNA-Spuren) förmlich aus der Bahn geworfen hat und ihn zu einem Manöver wie der Briefaktion veranlasste.
Rational mag man ja als Außenstehender das nicht so recht nachvollziehen und sogar als unnötiges Risiko betrachten können. Aber vielleicht wollte er sich in dieser Situation Luft verschaffen, indem er versuchte, mit einem trickreichen Manöver abzuklären, ob und gegebenenfalls wie dicht ihm die Polizei auf den Fersen war.
Dass es sehr wohl Grund zur Beunruhigung gab -trotz jahrzehntelangem Stillstand in den Ermittlungen-, zeigte ihm ja just der „Karnevalsmord“ in Köln: Dort war auch über Jahrzehnte „Ruhe im Karton“ gewesen - und dann meldete sich nach XY ein Zeuge, der die Polizei unvermittelt auf die Spur eines Verdächtigen führte.
Wer weiß, vielleicht gibt es ja auch im Umfeld des Mörders von Rheinbach Personen, die 1979 oder danach irgendetwas mitbekommen haben und von denen der Täter fürchten müsste, dass sie den Verdacht auf ihn lenken könnten?
Vor diesem Hintergrund wäre es für ihn sicherlich schon mal eine beruhigende Nachricht gewesen, dass kein DNA-Material ihn verraten könnte.
Überhaupt ist für mich die Frage nach dem Cui bono („Wem nützt es?“) bei dem anonymen Brief von Relevanz. Fakt ist ja, dass der Autor von der Polizei bestimmte Informationen begehrte (und dafür nähere Angaben zur Person des Mörders in Aussicht stellte).
Der Einzige, der in meinen Augen von solchen Informationen hätte profitieren können, war der Autor des anonymen Briefes.
Und somit hätte er auch ein Motiv, das Schreiben zu verfassen.