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Emergenz, ein Scheinphänomen oder doch real?
26.03.2025 um 12:48Hallo zusammen,
um zu erklären was es mit Emergenz auf sich hat, möchte ich gleich mit einem Beispiel beginnen.
Sicher hat der ein oder andere schon mal was von "Conways Spiel des Lebens" gehört. Dabei handelt es sich um einen simplen Zellulären Automaten.
Das von John Conway 1970 erfundene "Spiel" lässt sich sowohl virtuell als auch physisch mit Spielsteinen oder Stift und Blatt Papier verwirklichen.
Da es aber, je nach Startbedingung gewaltige Ausmaße annehmen kann, ist die Virtuelle Variante die deutlich schnellere und pragmatischere Wahl.
Ein am Computer Simuliertes Beispiel:

Kommen wir zu den Regeln.
Diese sind einfacher als man denkt, da es nur 4 Grundregeln gibt die man beachten muss:
"Lebende" Zellen werden hier grün dargestellt, "tote" Zellen weiß.
1. Lebende Zellen mit weniger als zwei lebenden Nachbarn sterben in der Folgegeneration an Einsamkeit.

2. Lebende Zellen mit zwei oder drei lebenden Nachbarn überleben in der Folgegeneration.

3. Lebende Zellen mit mehr als drei lebenden Nachbarn sterben in der Folgegeneration an Überbevölkerung.

4. Tote Zellen mit genau drei lebenden Nachbarn werden in der Folgegeneration neu geboren.

Wie sich die Zellen entwickeln werden hängt ganz davon ab, welche Startkonfiguration man wählt. Einige der Strukturen lösen sich bereits nach ein paar Zyklen auf andere weiten sich über hunderte Zyklen lang auf, bis sie sich auflösen oder in einer Dauerschleife gefangen bleiben. Bei bestimmten Mustern lassen sich jedoch Selbstreplizierende oder wandernde Konfigurationen erzeugen die sich bsw. über das Spielfeld bewegen und andere Strukturen beeinflussen können.
Wer Lust hat mal selbst etwas herumzuspielen, kann das hier tun.
https://playgameoflife.com/
Und wer sich für das Spiel des Lebens weiter interessiert, hier ein Video dazu.
Wer nochmal die Regeln anschauen möchte, der kann auf Minute 4:38 spulen. Dort werden sie nochmal ausführlich behandelt.

Dieses kurzes Video (dauert nur 1:30) zeigt, wie jemand das Spiel des Lebens im Spiel des Lebens selbst erstellt hat.

Es ist bemerkenswert wie komplex die Strukturen werden können. Tatsächlich lassen sich sogar wenn der Platz nur groß genug ist, richtige Schaltkreise konstruieren.
Es ist sogar erwiesen, dass man theoretisch alle Rechenoperationen die man an einem Computer ausführen kann auch mit dem Spiel des Lebens ausführen könnte. Ein derartig simulierter Computer könnte, sofern er die nötige Größe hätte, alles das machen was auch ein moderner Computer zu machen vermag. Obwohl noch immer alles nur auf den vier Grundspielregeln basiert, bekommen wir es mit einer wachsenden Komplexität zu tun, bei der es immer schwieriger wird ihr noch richtig folgen zu können.
Was wäre denn, wenn wir -wie im Video oben- das Spiel des Lebens im Spiel des Lebens selbst erstellen, aber diesmal dem darauf simulierten Spiel eine neue Grundregel mitgeben würden?
Sagen wir, wir bauen noch eine völlig neue fünfte Grundspielregel mit ein und lassen nun auf dieser Grundlage eine ganze Rechenmaschine bauen.
Wir hätten es dann mit einer ersten Emergenten Stufe zu tun. Das Grundspiel mit seinen festen vier Regeln erschafft eine Version von sich selbst, die wir aber mit einer fünften Regel ergänzen und auf derer Basis wir dann ein neues "Spielfeld" erschaffen auf der dann später die besagte Rechenmaschine (Computer) laufen soll.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Zurück im echten Leben haben wir es ebenfalls mit einer Menge emergenten Eigenschaften zu tun, die sich scheinbar nur durch Zusammenspiel der Einzelteile sinnvoll herleiten lassen.
Wasser etwa hat einen Siedepunkt von 100 Grad und einen Schmelzpunkt von 0 Grad. Beide Phänomene brauchen aber die Anwesenheit weiterer Wassermoleküle.
Mit nur einem Wassermolekül allein Aussagen über Schmelz- und Siedepunkt machen zu können, wird nicht wirklich gut funktionieren. Erst wenn mehrere Moleküle miteinander wechselwirken, lassen sich die Aggregatzustände; fest, flüssig und gasförmig definieren.
Die Interaktion von Molekülen (z.B. Bildung von Kristallen) könnte man wie im Beispiel oben als eine neue "fünfte Grundregel" betrachten, die in das Physikalische System neu dazu implementiert wurde.
Ein anderes Beispiel: Kupfer als rosarotes Metall und Iod als flüchtiges violettfarbenes Halogenid reagieren zusammen zu Kupferiodid einem farblosen Salz.
Die Eigenschaften dieser Verbindung unterscheiden sich signifikant von den Ausgangsstoffen. Das Kupferiodid besitzt u.a. keine elektrische Leitfähigkeit mehr, ist nicht flüchtig, besitzt optische Transparenz, bildet einen Elektrischen Dipol aus und geht mit anderen Stoffen völlig neue Reaktionen ein.
Von allen Emergenten Eigenschaften dürfte die spannendste aber wohl das Menschliche Bewusstsein sein.
Zusammengesetzt aus einem Milliardenschweren Netzwerk an Neuronen, ist die Vernetzung dieser entscheidend für das, was unser "Ich" ausmacht.
Das Neuron selbst als kleinste Einheit ist für sich gesehen auch schon eine Art Lebewesen. Zwar kann es nicht mehr selbstständig überleben, wie etwa Bakterien das können, doch das braucht es auch gar nicht mehr. Sämtliche Zellen des Menschlichen Körpers zu den auch die Neuronen zählen haben ihre eigenständige Überlebensfähigkeit aufgegeben, um den Schwerpunkt ihrer Arbeit voll auf den erhalt des gesamten Organismus zu konzentrieren.
Die einzelne Zelle selbst schon ein Emergentes Produkt aus unzähligen Biomolekülen, steht mit anderen Zellen dauerhaft in kontakt um so die nächste Emergente Stufe, -den Organismus zu bilden.
Reden Wissenschaftler und Philosophen über das menschliche Bewusstsein, dann kommen die Grundbausteine, also die Elementarteilchen nur eher selten zur Sprache.
Aber warum auch?
Es ist in vielen Fällen deutlich schlüssiger die Systeme aus höheren Emergenten Stufen heraus zu betrachten.
-Ein Biologe muss kein Chemiker oder gar Kernphysiker sein, um etwa die Rolle der DNA in der Evolution verstehen zu können.
-Ein Meteorologe muss kein Astrophysiker oder Chemiker sein, um zu verstehen wie sich Sonne und Wasser auf das Wetter auswirken.
Die entscheidende Frage aber ist, ob der Kernphysiker, der sich ja mit den mit den Grundlagen aller darauf aufbauender Prozesse beschäftigt (theoretisch) in der Lage wäre, ohne explizites Vorwissen von Evolution oder Meteorologie diese Problemlos ebenfalls beschreiben könnte?
Und genau hier liegt der Hund begraben, denn es gibt auch Kritiker die das infrage stellen und davon ausgehen, dass das angebliche Auftreten von Emergenz lediglich ein Problem mangelnder Information und Verständnis sei. So lassen sich sehr wohl die Eigenschaften eines komplexen Systems durch seine einfachsten Grundprinzipien Komplett beschreiben.
Am Beispiel vom Spiel des Lebens wäre die fünfte Regel eben keine neue Eigenschaft im Sinne einer real existierenden neuen Spielregel, sondern ließe sich Problemlos aus den vier Grundregeln ableiten. Wollte ich also den gebauten Computer in der "5 Regel Simulation" komplett beschreiben, sollten die vier Grundregeln völlig ausreichend sein, ohne Wissen für die fünfte Regel kennen zu müssen.
Auch unser Bewusstsein ließe sich damit völlig problemlos aus einer rein Materialistischen Weltsicht heraus ableiten, in der wir nur (rein theoretisch) durch das beschreiben der bekannten Physikalischen Gesetzte und der Elementarteilchen problemlos Aussagen über z.B. Qualia treffen könnten, ohne weitere Grundannahmen machen zu müssen.
Was ist eure Meinung dazu, ich würde mich sehr über eine lebhafte Diskussion freuen.
um zu erklären was es mit Emergenz auf sich hat, möchte ich gleich mit einem Beispiel beginnen.
Sicher hat der ein oder andere schon mal was von "Conways Spiel des Lebens" gehört. Dabei handelt es sich um einen simplen Zellulären Automaten.
Das von John Conway 1970 erfundene "Spiel" lässt sich sowohl virtuell als auch physisch mit Spielsteinen oder Stift und Blatt Papier verwirklichen.
Da es aber, je nach Startbedingung gewaltige Ausmaße annehmen kann, ist die Virtuelle Variante die deutlich schnellere und pragmatischere Wahl.
Ein am Computer Simuliertes Beispiel:

Kommen wir zu den Regeln.
Diese sind einfacher als man denkt, da es nur 4 Grundregeln gibt die man beachten muss:
"Lebende" Zellen werden hier grün dargestellt, "tote" Zellen weiß.
1. Lebende Zellen mit weniger als zwei lebenden Nachbarn sterben in der Folgegeneration an Einsamkeit.

2. Lebende Zellen mit zwei oder drei lebenden Nachbarn überleben in der Folgegeneration.

3. Lebende Zellen mit mehr als drei lebenden Nachbarn sterben in der Folgegeneration an Überbevölkerung.

4. Tote Zellen mit genau drei lebenden Nachbarn werden in der Folgegeneration neu geboren.

Wie sich die Zellen entwickeln werden hängt ganz davon ab, welche Startkonfiguration man wählt. Einige der Strukturen lösen sich bereits nach ein paar Zyklen auf andere weiten sich über hunderte Zyklen lang auf, bis sie sich auflösen oder in einer Dauerschleife gefangen bleiben. Bei bestimmten Mustern lassen sich jedoch Selbstreplizierende oder wandernde Konfigurationen erzeugen die sich bsw. über das Spielfeld bewegen und andere Strukturen beeinflussen können.
Wer Lust hat mal selbst etwas herumzuspielen, kann das hier tun.
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Und wer sich für das Spiel des Lebens weiter interessiert, hier ein Video dazu.
Wer nochmal die Regeln anschauen möchte, der kann auf Minute 4:38 spulen. Dort werden sie nochmal ausführlich behandelt.

Das Spiel des Lebens | Mathewelten | ARTE
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Es ist bemerkenswert wie komplex die Strukturen werden können. Tatsächlich lassen sich sogar wenn der Platz nur groß genug ist, richtige Schaltkreise konstruieren.
Es ist sogar erwiesen, dass man theoretisch alle Rechenoperationen die man an einem Computer ausführen kann auch mit dem Spiel des Lebens ausführen könnte. Ein derartig simulierter Computer könnte, sofern er die nötige Größe hätte, alles das machen was auch ein moderner Computer zu machen vermag. Obwohl noch immer alles nur auf den vier Grundspielregeln basiert, bekommen wir es mit einer wachsenden Komplexität zu tun, bei der es immer schwieriger wird ihr noch richtig folgen zu können.
Was wäre denn, wenn wir -wie im Video oben- das Spiel des Lebens im Spiel des Lebens selbst erstellen, aber diesmal dem darauf simulierten Spiel eine neue Grundregel mitgeben würden?
Sagen wir, wir bauen noch eine völlig neue fünfte Grundspielregel mit ein und lassen nun auf dieser Grundlage eine ganze Rechenmaschine bauen.
Wir hätten es dann mit einer ersten Emergenten Stufe zu tun. Das Grundspiel mit seinen festen vier Regeln erschafft eine Version von sich selbst, die wir aber mit einer fünften Regel ergänzen und auf derer Basis wir dann ein neues "Spielfeld" erschaffen auf der dann später die besagte Rechenmaschine (Computer) laufen soll.
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Zurück im echten Leben haben wir es ebenfalls mit einer Menge emergenten Eigenschaften zu tun, die sich scheinbar nur durch Zusammenspiel der Einzelteile sinnvoll herleiten lassen.
Wasser etwa hat einen Siedepunkt von 100 Grad und einen Schmelzpunkt von 0 Grad. Beide Phänomene brauchen aber die Anwesenheit weiterer Wassermoleküle.
Mit nur einem Wassermolekül allein Aussagen über Schmelz- und Siedepunkt machen zu können, wird nicht wirklich gut funktionieren. Erst wenn mehrere Moleküle miteinander wechselwirken, lassen sich die Aggregatzustände; fest, flüssig und gasförmig definieren.
Die Interaktion von Molekülen (z.B. Bildung von Kristallen) könnte man wie im Beispiel oben als eine neue "fünfte Grundregel" betrachten, die in das Physikalische System neu dazu implementiert wurde.
Ein anderes Beispiel: Kupfer als rosarotes Metall und Iod als flüchtiges violettfarbenes Halogenid reagieren zusammen zu Kupferiodid einem farblosen Salz.
Die Eigenschaften dieser Verbindung unterscheiden sich signifikant von den Ausgangsstoffen. Das Kupferiodid besitzt u.a. keine elektrische Leitfähigkeit mehr, ist nicht flüchtig, besitzt optische Transparenz, bildet einen Elektrischen Dipol aus und geht mit anderen Stoffen völlig neue Reaktionen ein.
Von allen Emergenten Eigenschaften dürfte die spannendste aber wohl das Menschliche Bewusstsein sein.
Zusammengesetzt aus einem Milliardenschweren Netzwerk an Neuronen, ist die Vernetzung dieser entscheidend für das, was unser "Ich" ausmacht.
Das Neuron selbst als kleinste Einheit ist für sich gesehen auch schon eine Art Lebewesen. Zwar kann es nicht mehr selbstständig überleben, wie etwa Bakterien das können, doch das braucht es auch gar nicht mehr. Sämtliche Zellen des Menschlichen Körpers zu den auch die Neuronen zählen haben ihre eigenständige Überlebensfähigkeit aufgegeben, um den Schwerpunkt ihrer Arbeit voll auf den erhalt des gesamten Organismus zu konzentrieren.
Die einzelne Zelle selbst schon ein Emergentes Produkt aus unzähligen Biomolekülen, steht mit anderen Zellen dauerhaft in kontakt um so die nächste Emergente Stufe, -den Organismus zu bilden.
Reden Wissenschaftler und Philosophen über das menschliche Bewusstsein, dann kommen die Grundbausteine, also die Elementarteilchen nur eher selten zur Sprache.
Aber warum auch?
Es ist in vielen Fällen deutlich schlüssiger die Systeme aus höheren Emergenten Stufen heraus zu betrachten.
-Ein Biologe muss kein Chemiker oder gar Kernphysiker sein, um etwa die Rolle der DNA in der Evolution verstehen zu können.
-Ein Meteorologe muss kein Astrophysiker oder Chemiker sein, um zu verstehen wie sich Sonne und Wasser auf das Wetter auswirken.
Die entscheidende Frage aber ist, ob der Kernphysiker, der sich ja mit den mit den Grundlagen aller darauf aufbauender Prozesse beschäftigt (theoretisch) in der Lage wäre, ohne explizites Vorwissen von Evolution oder Meteorologie diese Problemlos ebenfalls beschreiben könnte?
Und genau hier liegt der Hund begraben, denn es gibt auch Kritiker die das infrage stellen und davon ausgehen, dass das angebliche Auftreten von Emergenz lediglich ein Problem mangelnder Information und Verständnis sei. So lassen sich sehr wohl die Eigenschaften eines komplexen Systems durch seine einfachsten Grundprinzipien Komplett beschreiben.
Am Beispiel vom Spiel des Lebens wäre die fünfte Regel eben keine neue Eigenschaft im Sinne einer real existierenden neuen Spielregel, sondern ließe sich Problemlos aus den vier Grundregeln ableiten. Wollte ich also den gebauten Computer in der "5 Regel Simulation" komplett beschreiben, sollten die vier Grundregeln völlig ausreichend sein, ohne Wissen für die fünfte Regel kennen zu müssen.
Auch unser Bewusstsein ließe sich damit völlig problemlos aus einer rein Materialistischen Weltsicht heraus ableiten, in der wir nur (rein theoretisch) durch das beschreiben der bekannten Physikalischen Gesetzte und der Elementarteilchen problemlos Aussagen über z.B. Qualia treffen könnten, ohne weitere Grundannahmen machen zu müssen.
Was ist eure Meinung dazu, ich würde mich sehr über eine lebhafte Diskussion freuen.