paxito schrieb:Und ignorierst komplett den Zusatz: nie wieder Krieg. Der Ausspruch lässt sich im historischen Kontext nicht umdeuten. Der Satz ist ein Aufruf eine freie und friedliche Welt zu schaffen, nicht im Ausland mit militärischen Mitteln den Faschismus zu bekämpfen.
Also: geschichtsvergessen.
paxito schrieb:Was du persönlich dir ahistorisch unter „Nie wieder“ zusammen reimst, unbeleckt von der Realität aus der dieser Ausspruch stammt ist dein Bier. Von mir aus kannst da auch Nie wieder Knoblauch oder ähnliches drunter verstehen. Deine Interpretation ist jedenfalls dem ursprünglichen Gedanken konträr entgegengesetzt. Wirf den Überlebenden von Buchenwald meinetwegen Naivität vor, aber verdreh ihre Intention nicht zur Unkenntlichkeit nur um es dir anzueignen.
Das an sich ist interpretierbar und divers nutzbar. Wenn du pikiert sein willst weil ich nicht (d)eine eigene genaue Vorstellung/Kontextualisierung davon nutze, in einer Welt in der die Phrase an sich breit interpretierbar genutzt werden kann, und mich daher als geschichtsvergessen betiteln willst: Ok. Der "Nie wieder Knoblauch-Zusatz" ist aber lächerlich, das wirst du sicherlich zugeben können in der Reflektion. Wenn nicht, auch egal. Noch sehe ich eine konträre Entgegensetzung.
Ich sehe keinen Widerspruch oder Konflikt in einer breiteren Deutung. "Nie wieder Krieg" musst du mir auch beschrieben. Nie wieder Angriffskrieg? Jo. Wir reden aber nicht von einem Angriffskrieg, geschweige denn einem imperialistischen Angriffskrieg der von deutschen Boden ausgeht sondern hier gerade kontextuell im modernen Kontext von der Verteidigung einer (idealerweise) wehrhaften Demokratie, die auch situativ nach außen hin wehrhaft sein muss. Sich also militärisch verteidigen kann. Da wir in einer Union und einem Militärbündnis sind, gilt das dementsprechend auch für Gebiete und Menschen die ausserhalb der deutschen Grenzen in den Grenzen der politischen Union (EU) bzw. des Bündnisgebietes (NATO) leben.
Auch eine israelische Sicht wie "Nie wieder Opfer" (und "Nie wieder Völkermord") kann situativ militärische Gegenwehr beinhalten bzw. sie musste es in der Historie des Staates Israels schon mehrfach.
"Never again" is a phrase or slogan which is associated with the lessons of the Holocaust and other genocides. The slogan was used by liberated prisoners at Buchenwald concentration camp to denounce fascism. It was popularized by Jewish Defense League founder Meir Kahane in his 1971 book, Never Again! A Program for Survival.
The exact meaning of the phrase is debated, including whether it should be used as a particularistic command to avert a second Holocaust of Jews or whether it is a universalist injunction to prevent all forms of genocide.
The phrase is widely used by politicians and writers and it also appears on many Holocaust memorials. It has also been appropriated as a political slogan for other causes, from commemoration of the 1976 Argentine coup, the promotion of gun control or abortion rights, and as an injunction to war on terror after the September 11 attacks.
Quelle:
Wikipedia: Never againKeine deutsche Spiegelseite gesehen, ergo erst Englisch und hier mit Auto-Übersetzung:
„Nie wieder“ ist ein Satz oder Slogan, der mit den Lehren des Holocaust und anderer Völkermorde in Verbindung gebracht wird. Der Slogan wurde von befreiten Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald verwendet, um den Faschismus anzuprangern. Er wurde vom Gründer der Jewish Defense League, Meir Kahane, 1971 in seinem Buch „Nie wieder! Ein Programm zum Überleben“ populär gemacht.
Die genaue Bedeutung des Satzes ist umstritten, unter anderem, ob er als partikularistisches Gebot zur Verhinderung eines zweiten Holocaust an den Juden oder als universalistische Aufforderung zur Verhinderung aller Formen von Völkermord verwendet werden sollte.
Der Satz wird häufig von Politikern und Schriftstellern verwendet und erscheint auch auf vielen Holocaust-Gedenkstätten. Er wurde auch als politischer Slogan für andere Zwecke vereinnahmt, vom Gedenken an den argentinischen Putsch von 1976 über die Förderung von Waffenkontrolle oder Abtreibungsrechten bis hin zum Kampf gegen den Terror nach den Anschlägen vom 11. September.
Die unteren Parts im Zitat bzw. wo eine breitere Nutzung folgte sind in der Tat dann schon mehr "ahistorisch" aber es zeigt ja, dass eine Nutzung hier divers sein kann.
paxito schrieb:Eher infantil und beleidigend. Wer z.B. eine Familie und pflegebedürftige Angehörige zu versorgen hat, dessen Bereitschaft zum Fronteinsatz dürfte nahe Null liegen. Denen Faulheit und Feigheit unterzuschieben ist einfach unerträglich.
Und selbst ein überzeugter Pazifist wie ich ist nicht Pazifist weil er feige und faul ist.
Wenn du glaubst ich würde mich mit dem Kern meiner Kritik besonders auf Menschen wie in deinem Selektivbeispiel beziehen weiß ich auch nicht weiter. Hinweis: Offenkundig wohl eher nicht.
Und was ist überzeugter Pazifismus (an sich nobel) wert in einer Welt, in der andere staatliche Akteure gewillt sind, sich notfalls darüber hinwegzusetzen?
Ich will bzw. kann dir deine persönliche Einstellung nicht nehmen. Ich denke nur "Ultrapazifismus" hat seine Grenzen.
„Pazifismus ist ehrenvoll, führt aber nicht zum Guten. Er zementiert nur die Dominanz der Bösen, der Unmenschlichen und der Verbrecher“, sagte Gauck. Würde in einem hypothetischen Szenario auch Deutschland angegriffen, würde auch er, der ehemalige Pastor, zur Waffe greifen und im Ernstfall auf den Feind schießen, betonte er – auch wenn er sich wünsche, es nicht tun zu müssen. Aber: „Man darf nicht vor den Gewissenlosen kapitulieren“.
Deutschland müsse „als Gesellschaft wieder neu lernen, dass Freiheit verteidigt werden muss“. Er sehe aber auch einen Wandel in der Bevölkerung und insgesamt mehr Bereitschaft, das eigene Land zu verteidigen. Das zeige auch die Zustimmung zu höheren Verteidigungsausgaben durch die Bundesregierung.
Gauck bei „Lanz“: „Organisierte Ohnmacht der Vielen und Übermacht der Wenigen“
Insgesamt 70 Minuten sprach Lanz mit dem Vorgänger von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Gauck erinnerte daran, dass die Weltgemeinschaft sich im 20. Jahrhundert mit dem Völkerrecht darauf geeinigt habe, was rechtens sei und was nicht. „Zunehmend wird diese werte- und regelbasierte Ordnung von autoritären Mächten und Diktaturen infrage gestellt“, die sich wieder vermehrt auf das Recht des Stärkeren beriefen – explizit nannte Gauck dabei Russland und China.
Quelle:
https://www.welt.de/vermischtes/article239908629/Joachim-Gauck-bei-Markus-Lanz-Pazifismus-ist-ehrenvoll-zementiert-aber-nur-die-Dominanz-der-Boesen.htmlMit dem Gauck-Part will ich auch fragen: Was ist für dich überzeugter Pazifismus? Es ist als Ideologie bzw. angestrebtes Ideal nobel. Aber bildet nicht die Realität ab. Das ist wie 100% Gewalt inklusive Selbstverteidigung im Notfall abzulehnen: Dann bestimmen notfalls andere die das nicht juckt über dich. Ob individuell in einem Raub oder einer absichtlichen schweren Körperverletzung die ggf. mit Gegenwehr unterbunden werden könnte sowie kollektiv auf Ebene der Gesellschaften bei Kriegen. Wenn der Part nicht auf dich zutrifft, fühl dich nicht angesprochen. Aber die ultimative Anwendung davon halte ich situativ halt für nutzlos und erwähne es an der Stelle.
paxito schrieb:Wir leben in einer Zeit des um sich greifenden Militarismus in Deutschland, Wehrpflicht wird ernsthaft wieder diskutiert, Verteidigungsausgaben als einzige von der Schuldenbremse ausgenommen und von ganz links bis ganz rechts ist der (Wieder)Aufbau der BW Konsens.
Was ist für dich "Militarismus"? Du beschreibst offenkundig manche Entwicklungen als schadhaft oder siehst sie negativ.
Kannst du das weiter beschreiben? Ansonsten klingt das erst mal wie ein in den Raum geworfener Kampfbegriff, der andere Wahrnehmungen oder Realitäten eher ausklammert. Ich nehme eher wahr, dass man steigende Gefahren realisiert und ein Aufbessern der Bundeswehr (und anderer Bereiche wie Katastrophenschutz, Infrastruktur, etc) hieraus ableitet, weil ein "weiter so" bzw. ein Abtun der Strukturprobleme usw. in der Bundeswehr folgenschwer enden könnten.
Sinngemäß: Es droht Flut oder Feuer, wir müssen uns dafür wappnen sonst sind wir dafür leichte Beute bzw. der Schaden wäre sonst groß wenn es eintritt.
Es ist wie ne Versicherung oder (IT-)Sicherheit: Die muss vor Schadensfall bestehen und robust genug sein. Braucht ggf. Zeit um aufgebaut zu werden bzw. um Fehler zu beheben. Erst anzukommen wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist zu spät.
paxito schrieb:Was eben mit der Realität nix zu tun hat. Es gibt genug und es besteht real auch keine Gefahr, das es zu wenig werden. Also worauf willst du mit deinem hypothetischen Szenario hinweisen? Das du dir mehr Juchu fürs Militär wünschst? Sowas kann auch gewaltig nach hinten losgehen.
"Es gibt genug" oder "Es gäbe dann genug" ist für mich zu abstrakt subjektiv ... nicht eindeutig. Ich orientiere mich zumindest dann erst mal lieber an aus dem Geschäftsbereich eruierten Bedarfszahlen. Ob einige weitere Zehntausende die in der aktiven Truppe und Reserve fehlen weil es Strukturprobleme gibt bzw. die Bw attraktiver werden müsste? Ja für viele gilt das sicherlich. Andere wollen auch nicht. Wertfrei an der Stelle, feststellend gemeint.
Und "Mehr Juchu fürs Militär", naja: Ich wünsche mir in gewissen Teilen der Bevölkerung mehr Anerkennung der Gefahrenlage und vielleicht ein Hinterfragen von spezifischen Dogmata (generelle Ablehnung Bw/eigener Streitkräfte an sich meine ich) die man vielleicht lange hegte und pflegte weil wir in anderen Zeiten lebten. Respektive da wir nun wieder in Zeiten leben, in denen wir Streitkräfte nicht als (nur) internationale UN-mandatierte Friedenstruppe und als nationalen Kat-Schutz-Zusatz oder so brauchen, sondern uns auch akut auf Landes-/Bündnisverteidigung gegen staatlich ebenbürtige Gegner einstellen müssen.
Ich kann wirklich nicht erwarten, dass alle manche Entwicklungen der Neuzeit oder die Bw toll finden oder über manchen Schatten springen. Ich wünsche mir abstrakt und partiell aber weniger "Nein, ich will den Kopf weiter in den Sand stecken und investitionslos bzw. ohne Aufwand aufs Beste hoffen" - not gonna happen, leider.
paxito schrieb:Du scheinst das irgendwie da raus dichten zu wollen, man will ja nur Leute töten, die Leute töten, ist doch Augenwischerei.
Wer geht denn zur Bundeswehr mit der Primärmotivation, Leute zu töten? Fast niemand, jene wären psychologisch rausgefiltert oder unter dem Radar unterwegs. Du hast das ja stark implikativ unterstellt oder zumindest in den Vordergrund gestellt, zumindest lese ich im Kontext dein folgendes Zitat so:
paxito schrieb:Es ist auch erstmal kein Zeichen von Heroismus oder besonderer Charakterstärke, wenn man die Bereitschaft hat Leute zu töten. Daran ist so nix Gutes.
Mein Einwand war, dass das für ein Großteil der Leute keine Primärmotivation ist, eher ein "notwendiges Übel", welches Menschen die militärisch dienen, bereit sind mitzutragen oder situativ im worst-case einzguehen. An Krieg ist quasi nichts toll oder irgendwie positiv. Er nimmt Leben, entstellt Körper und Seele. Meist immer die Seele selbst wenn man physisch relativ oder komplett unbeschadet rauskommt.
Wir brauchen aber situativ genug Menschen, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren und im Rahmen der (Selbst-)Verteidigung auch körperliche Gesundheit - der Angreifer - anderer zu schädigen bzw. Leben zu nehmen. Heroismus oder Charakterstärke sind in dem Fall die Aufopferungs- bzw. Risikobereitschaft, gerade wo andere legitim scheitern bzw. nicht in der Lage zu sind oder Willens zu sind. Wenn das wem oder dir zu pathosgeladen klingt, nüchterndes veranschaulichendes Beispiel: Wir vertrauen auch darauf, dass Feuerwehrleute in brennende Gebäude rennen und unter Abwägung ihr Leben riskieren um anderen zu helfen. Wir vertrauen darauf, dass sich situativ Polizisten in Lebensgefahr begeben (und notfalls auch anderen wehtun bzw. sie abwehren) um andere wiederum zu schützen, wie bei einem aktiven Amoklauf oder einer Geiselbefreiung zum Beispiel.
Ich denke man versteht jetzt auch das Kernprinzip bei Soldatinnen und Soldaten für den Worst-Case. Und nein, dafür müssen auch nicht alle jetzt sinngemäß in dem Beispiel zur Feuerwehr und Polizei respektive Bw.
Aber ich erwarte persönlich dann aufgrund meiner eigenen Meinungen und Vorprägungen, dass man zumindest argumentativ nicht noch einer Aufbesserung der Feuerwehr oder Polizeien (themengenau: der Bundeswehr) torpedierend im Weg steht weil es z.B. starke ideologische Gründe hat oder man in seiner potentiell vorhandenen Wohlfühlwelt jetzt mehr aufgrund des Zeitgeschehens tangiert wird und lieber seine relative Ruhe hätte.
Ich kann und will ja nicht alle irgendwie "bekehren" - aber warum mich das so tangiert ist halt, weil ich spezifische Einstellungen als schädlich oder unterminierend wahrnehme. "Hurra Bw" brauchen wir wirklich nicht, noch ein amerikanisches "Kniefall-Thank-you-for-your-service-Mindset" aber weniger ideologische oder aus meiner Sicht veraltete Ablehnung oder Kopf in den Sand, das wäre aus meiner Sicht ganz hilfreich.
Und davon gibt es meiner Meinung nach noch genug da draußen in der weiten (Netz-)Welt bzw. Republik.