Sehr interessantes Thema.
@martenot wird gleich aufstöhnen, dass ich es jetzt auch hierher geschafft habe 😉
Dass die Gesellschaft sich verändert, fällt wohl jedem auf. Sie wird (technisch) schnelllebiger und damit bleibt gerade das Soziale auf der Strecke.
Ich bin mit zwei Narzisstinnen aufgewachsen. Bei einer (Oma, die mich mit aufzog) stellte ich das aber erst in ihren letzten drei Lebensjahren fest.
Aber meine Mutter hat schon immer mit den klassischen „Merkmalen“, wie Gaslighting, Abwertung, psychische Gewalt, Lügen etc. gearbeitet, um mich gehorsam, still und abhängig zu halten. Lange mit Erfolg. Und lange habe ich dadurch auch immer weitere Narzissten ins Leben gezogen.
Und so falsch finde ich den Begriff für die heutige Gesellschaft gar nicht.
Selbstverliebte Leute hat es immer gegeben und eine Selbstliebe ist ja erstmal auch nicht verkehrt, ganz im Gegenteil.
Aber es gibt durchaus bei immer mehr Personen die Tendenz, dass diese Selbstliebe in Egozentrik und dann in Egomanie abrutscht. Und das gehört auch zum Narzissmus, da es oft nur eine sehr stabile, unbewusste Fassade stellt.
Es wird aber auch überall so vermittelt. In unseren Breitengraden zählt nicht mehr der Mensch an sich, nicht seine Seele, sondern er wird nur noch über Schul-/Studienabschluss, berufliche Karriere, der Partnerwahl und der Oberfläche definiert. Wo bleibt da noch Platz für Persönlichkeit oder Geist/Seele?
Gleichzeitig ist die Gesellschaft aber auch massiv verunsichert, weil sie gar nicht mehr nachkommt mit den Erwartungen, die an die Einzelnen gestellt werden.
Oberflächlich gesagt, gestern war Fettabsaugung en vogue, heute ist es chemisches Peeling.
Man weiß gar nicht mehr, wo man anfangen soll, dem zu entsprechen und viele wollen und müssen den Anforderungen entsprechen, weil die Angst nicht „dazu zu gehören“ so unfassbar groß ist.
Lieber sich selbst verleugnen, Eigenschaften, Verhaltensweisen oder Persönlichkeitsmerkmale verheimlichen und unterdrücken, als Gefahr zu laufen, ausgeschlossen zu werden.
Diese brutale Angst treibt ganz viele um.
Dass sich da die Emotionen unbewusst unter der Oberfläche sammeln, normal.
Das sie auch die Angst verbergen müssen, ebenso wie ihre Unsicherheiten, um nicht ihr Gesicht zu verlieren…da geht es fast automatisch in Richtung Narzissmus.
Und dass das nicht lange gutgeht, auch klar. Gerade im Internet, in Foren oder auch bei einschlägigen Frage-Seiten, wird das, finde ich sehr deutlich. Hier auch.
Durch das vermeintlich Anonyme ist das einander Ankotzen und Mobben auch viel einfacher.
Ich will da keine Beispiele nennen, sonst werde ich nur wieder grantig.
Dass es dann viele vom Internet in ihr Leben tragen, eh klar.
Ob ich mich glücklich schätzen sollte, noch persönlich und direkt gemobbt worden zu sein, anstatt per Shitstorm im Internet? Nein.
Beides geht auf die Psyche.
Und beides geht von in sich verunsicherten, oft sich selbst ablehnenden Menschen aus.
Ich war selbst lange in der Pflege und hier ist es durchaus sehr extrem zu beobachten, wie sich Menschen verändern. Die Arbeitsbedingungen sind hart, der Stellenschlüssel oft mies und dennoch kann man darauf wetten, dass immer die Gleichen für andere einspringen.
Dem Krankgemeldeten wird per se schon „Blaumachen“ unterstellt, gerade, wenn es „nur“ um psychische Erkrankungen gehen sollte. Da lautet die allgemeine Empfehlung, die mir Kollegen gegeben haben, Pillen fressen und funktionieren oder Suizid, aber ja nicht krank melden.
Als ich mit dem Einspringen aufgehört habe, aus Selbstschutz, weil ich wirklich kurz vor dem Suizid stand, hat man die Augen verdreht.
Und auch von Patientenseite ist manches Verhalten sehr viel extremer geworden. Gerade die Respektlosigkeiten nehmen stetig zu, auch die Übergriffe von Gewalt und sexuell motiviert auf Krankenhauspersonal durch Patienten.
Davon spricht nur keiner, weil es kaum jemanden interessiert, wenn Sr. Martina von Herrn Huber mit einer vollen Flasche Wasser die Nase gebrochen wurde oder der Herr Meier der Sr. Caia die Zunge ins Ohr gesteckt hat, weil er so auf sie steht.
Hätte Sr. Caia den Herrn Meier aber totgespritzt, wäre sie auf der ersten Seite der Tageszeitung.
Es ist ein ungesundes Verschieben.
Die Personen, von denen man Hilfe in der Not verlangt, werden massiv angegangen, respektlos behandelt, ihre Arbeit erschwert oder man greift sie direkt an.
Man zersticht die Reifen eines RTWs, weil man gerade mit dem Auto nicht vorbeikommt. Man stellt sich als Radfahrer der Müllabfuhr in den Weg, weil man nicht willens ist, auszuweichen. Und so weiter.
Die Leute verlieren immer mehr ihre natürlichen Hemmungen. Einerseits gut in Bereichen, wo die künstlichen Autoritäten endlich fallen müssen, andererseits extrem mies, denn es trifft auch (und zumeist) diejenigen, von denen eine Gesellschaft abhängig ist.
Vieles ist sicher einer Überforderung durch diese zunehmende Technisierung und Schnelllebigkeit geschuldet. Aber nicht alles eben.
Sozial sollen immer nur die anderen zu einem sein, man selbst zu anderen? Wozu?
Ich habe mich mittlerweile so gut wie ganz aus der Gesellschaft zurückgezogen. Keine Erfüllung von Erwartungen Fremder (oder Verwandten) mehr, keine altruistische Hilfe (Notfälle oder ältere Personen ausgeschlossen), dafür mehr Spiritualität, mehr Kunst, mehr „Ausleben“ meiner lange unterdrückten Interessen, Wünsche usw.
Sehr zur Feindschaft anderer, die das nicht „können“ und sich oft auch nicht trauen.
Mal sehen, wie sich das alles noch entwickelt.